Kastration als Erziehungshilfe?

"Wird vor Abgabe noch kastriert", ist ein Satz, den man in Tierschutzforen regelmäßig liest. Und obwohl ich natürlich verstehe, warum man Straßenhunde im Ausland kastriert, macht es doch einen Unterschied, ob es darum geht, sinnlose Vermehrung zu vermeiden - oder sich die eigenen Erziehungsfehler unter dem Deckmantel der Amputation schön zu reden.


Denn, um es ganz klar zu sagen: Kastration ist keine Erziehungshilfe. Weder "vorbeugend", noch dann, wenn es schon passiert ist. Wenn Ihr Hund "unerzogen" ist und nicht hört, wird es kaum helfen, wenn Sie ihn einer Totaloperation unterziehen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.


Überlegen Sie daher genau, ob und vor allem WANN Ihr Hund kastriert wird.


Denn jede Kastration ist ein Eingriff, der laut Gesetz nur dann gerechtfertigt ist, wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht. Die Betonung liegt auf "medizinisch".


Wenn Sie mit Ihrem Hund daher nicht zurecht kommen, die "Pubertät vermeiden" möchten oder es angeblich "einfacher" ist: Halten Sie eine Augenblick inne. Und überlegen Sie, was die wahren Motive hinter Ihrem Wunsch nach Kastration sind:


Ob es dabei wirklich um das - medizinisch indizierte - Wohl des Hundes oder die eigene Bequemlichkeit geht.


Denn kastriert werden - und auch das wird oft verwechselt - sowohl Rüden, als auch Hündinnen. "Sterilisation" ist etwas anderes und sie betrifft ebenfalls beide Geschlechter.


In der Regel wird aber kastriert, d.h. Hoden bzw. Eierstöcke werden entfernt - und leider passiert genau das viel zu oft, total unnötig und vor allem viel zu früh. Kaum ist der Hund ein paar Monate alt: Schnipp & weg ...


Aber vor allem passiert es ohne Planung, Termine werden "einfach so" vereinbart: Weil der Tierarzt "Samstags Ordination" hat. Oder weil man "gerade Zeit" hat. Verantwortungsvolle Terminplanung sieht anders aus: Immerhin handelt es sich um einen Eingriff, der sich auf das hormonelle Gleichgewicht im Organismus des Tieres nachhaltig auswirkt.


Daher bitte: Informieren Sie sich, bevor Sie Ihrem Hund Organe entfernen lassen. Und wenn Sie Sorge haben, dass sein Verhalten tatsächlich den Hormonen - und nicht Ihrem eigenen (Fehl-)Verhalten - geschuldet ist, gibt es auch die Möglichkeit, zunächst einen Hormonchip zu injizieren. Den kann man auch wieder entfernen lassen. Und sich in der Zwischenzeit ein Bild machen. So können Sie überprüfen, ob sich durch die hormonelle Veränderung auch das Verhalten Ihres Tieres ändert. Oder ob sich rein gar nichts tut - oder die Situation sogar noch schlimmer wird.


Weil der Fehler eben nicht bei den "Hormonen", sondern beim Menschen liegt.


Bevor Sie Ihren Hund daher einer Kastration unterziehen, überlegen Sie bitte gründlich und in Ruhe, ob das wirklich notwendig ist. Medizinisch notwendig. Denn immerhin würden Sie Ihren Mann ja auch nicht kastrieren lassen, weil er dann "einfacher" ist. Oder Ihr Kind, weil dann "die Pubertät weniger anstrengend" ist.


Kastration will überlegt sein: In gemeinsamer Absprache mit dem Tierarzt Ihres Vertrauens. Wer "einfach so" und "irgendwann" kastriert, hat wenig Ahnung; hier sind Sie als Besitzer*in aufgerufen, "Stopp" zu sagen und allenfalls auch eine Zweitmeinung einzuholen.


Denn eine Kastration zum falschen Zeitpunkt kann fatale Folgen haben: Vielleicht haben Sie dann ein hündisches Kind zu Hause. Ein Tier, das innerlich nie wirklich reifen konnte. Wollen Sie das? Nur deshalb, weil es "einfacher" ist? Wäre es da nicht besser, sich gleich von vornherein für ein anderes Tier, eine andere Rasse zu entscheiden?


Oder muss es wirklich "Rambo" sein, der dann in Prinzessin Lilifee verwandelt wird?


Einfach deshalb, weil man sich nicht "plagen" will? Oder möchten Sie eine Hündin, deren Hormonstatus gerade zum ungünstigsten Zeitpunkt "eingefroren" wurde; einfach deshalb, weil auf den Zyklus des Tieres genau Null Rücksicht genommen wurde?


Ein oft gehörtes Argument ist natürlich auch die "Vermeidung von Krankheit". Vor allem bei Hündinnen. Ja. Ihre Hündin kann krank werden. SIE ABER AUCH. Würden Sie sich deshalb vorbeugend Gebärmutter und Eierstöcke entfernen lassen? Aber gut, Angelina Jolie hat das schließlich auch gemacht. Wenn das kein Argument ist ...


Denn natürlich kann eine Hündin Arbeit machen. Sie wird läufig. Die Rüden in der Umgebung spielen verrückt. Das ist mühsam. Die gute Nachricht ist aber: Sie können sich auch einen Rüden nehmen. Dann gibt es dieses Problem nicht. Der aber muss "natürlich auch kastriert" werden. Weil er Ihnen ja sonst über den Kopf wachsen würde. In seinem Bestreben, vom Sofa aus die Weltherrschaft zu übernehmen. Irgendwas ist eben immer...


Denn klar, wer einen Rüden anschafft, wird ihn auch bekommen. Für Hündinnen gilt das ebenso. Dann aber alles "Unangenehme" einfach wegschneiden zu lassen, ist etwa so, als ob man sich einen Partner aussucht - um ihn dann doch "umoperieren" zu lassen.


Und natürlich darf es auch ein kastriertes Tier sein: Ein Hund aus dem Tierschutz. Dort gibt es gute Gründe, warum Tiere, die aus dem Ausland kommen, vor Ort kastriert werden: Um Tierleid Einhalt zu gebieten. Wenn Sie sich aber einen ganz anderen Hund anschaffen, muss er nicht zwangsläufig bei erster Gelegenheit unters Messer kommen. Denn vielleicht wollen Sie Ihren neuen Freund ja auch erst einmal in aller Ruhe ein paar Monate oder Jahre kennen lernen. Selbst dazu lernen. Und erst dann entscheiden, ob wirklich alles weg muss ....


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